Bagi ist nur vaterseits ein Dalmatiner, was ihn überhaupt nicht stört. Mischlinge sind eh gescheiter als jene mit Stammbaumkarte und Dienstausweis. Das weiss Bagi von Michèle, seiner Chefin, die kürzlich mit Mutter Gabi und dem intelligenten Jagdhund Dafi, einem richtigen Aufspürer, eine Alphütte inspiziert hat. Sie wollen nächste Saison auf einer Alp sömmern, die Zeit mit weidendem Vieh verbringen und käsen. Für diese anspruchsvolle Arbeit haben sie sich vorbereitet, nehmen als Zugabe zum Erlernten einen grossen Korb voll Freude mit. Heute gehts wieder hinauf zur Alphütte. Bagi sträubt sich. Er will seine Ruhe, döst lieber im Schatten. Plötzlich, aus dem Nichts, schnellt Bagi hoch, springt gegen die Einzäunung, bellt und verbellt. Er will die Kirchgänger erschrecken, die jeden Sonntag palavernd das Kiessträsschen hinauf zur Kirche stolzen. Die herausgeputzten Bauern machen pausenlos das Hutballett, grüssen in jede Richtung. Die mehrheitlich nicht mehr jungen Frauen wirken sperrig in ihren Trachten und geloben, demnächst das gute Stück für den Kirchgang um Zentimeter auszulassen. Einer der Männer, um die fünfzig mit glattrasiertem Gesicht, trägt über der Weste, an schwerer Goldkette, eine Schweizer Sprung-Deckel-Taschenuhr. Es ist der Hunziker Kari, von dem keiner eine Ahnung hat, woher er kommt. Wir sind im Jahr 1929.
Seit drei Wochen hat Yan keinen Auftrag. Dafür Musse, in der Zentralbibliothek zu lesen. Er liest Darwins Werk der Evolution. Da ihn auch das Universum interessiert, weiss er längst, wie winzig Planet Erde und seine entfernten Verwandten sind, die um unsere Sonne düsen. Ein Klacks im Universum, ein Sandkorn. Yan geht die Steintreppe hoch, denkt an den toten Bankdirektor, der vor zwei Tagen zum Stadtgespräch wurde. Am linken Seeufer, in der Nähe vom Enge Quartier, ist der 52 Jahre alte Banker zu Tode gekommen. Es heisst, der Verwaltungsrat einer Grossbank habe ihn vor wenigen Wochen zum Generaldirektor ernannt, zu einem Giganten der Boni. Die Gerüchte sprudeln. Wurde der Manager in seiner Wohnung mit Seeblick ermordet? Oder auf freier Strasse erschlagen? Ein Racheakt gar? Die Polizei schweigt.
Leo murmelt Unverständliches, schielt zu Mischa, möchte sehen, wie beeindruckt der Kleine ist. «Mischa, dieser gewaltige Kasten ist das schwerste Gebäude der Welt. Damit dieser Palast nie ins Wanken kommt, geht das steinige Fundament 92 Meter in die Tiefe. Und dort», Leo deutet auf die ausladende Balkon-Terrasse, «dort hat Präsident Ceausescu stundenlang zum Volk geredet. Er wusste, was das verarmte Volk hören wollte. Dass es ihnen nämlich besser gehe als den Bedauernswerten in anderen Ländern und dass nur er, Vater aller Rumänen, das Land in eine gute Zukunft führen könne.» Was Leo nicht sagte: Frau Ceausescu war bei jeder Ansprache dabei. Herrschsüchtig, mit eingemeisselter Bosheit im Gesicht, stand sie neben ihm. Diese kleine, dürre Frau war immens reich an gestohlenem Bürgergeld. Mischa sucht Vaters Hand, hat Angst, sagt bittend: «Vater, ich möchte hier weg!» Leo versteht nicht, warum sein Bub nicht staunen kann. Stunden später fahren sie in die schöne Schweiz.